Liebe Freundinnen und Freunde des südlichen Afrika,                                                                       Berlin, im Dezember 2021

“Everything was well and then Covid came along.” Einer der zahlreichen Bewerberinnen und Bewerber um unser diesjähriges Stipendium sagte diesen Satz im Bewerbungsgespräch mit einer Mischung aus Verzweiflung, Resignation und Ratlosigkeit. Das zweite Jahr in Folge ist ein ganzer Jahrgang Studierender im südlichen Afrika von den Zumutungen des Studiums unter Corona-Bedingungen betroffen. Das bedeutet Online-Unterricht statt Präsenz, schlechterer Kontakt zu Dozenten und damit auch schlechteres Feedback, Wegfall wichtiger Praktikumsmöglichkeiten – und allgemein den Verlust der großen Freiheit des Ausprobierens, Kennenlernens und des Sichselbstfindens. Da geht es Studierenden zwischen Lusaka und Kapstadt ähnlich wie zwischen Flensburg und Konstanz. Aber freilich enden die Gemeinsamkeiten schnell.

Viel stärker als in Europa sind Studierende im südlichen Afrika von prekären Lebensverhältnissen betroffen. „Everything was well and then Covid came along” – das ist relativ zu sehen. “Well” bedeutet allzu häufig, dass das Existenzminimum gerade so gesichert ist. Es bedeutet, dass die Unterstützung der weiteren Familie ausreicht, um die Anmeldegebühren des Semesters zu bezahlen, wenn schon nicht die Kursgebühren. Es bedeutet, dass genug Geld da ist, um stundenlange Fahrten im Sammeltaxi vom Wohnort zum Campus bezahlen zu können. Es bedeutet, sich mit regelmäßigen Stromausfällen arrangiert zu haben und dass zuhause Bedingungen herrschen, die ein Studium zumindest nicht ausschließen – und sei es spätabends, wenn die jüngeren Geschwister schlafen. Die Corona-Pandemie mit ihren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen bedroht diesen fragilen Zustand. Die Arbeitslosigkeit ist weiter gestiegen und liegt mittlerweile bei über 35 Prozent, bei den 15- bis 24-Jährigen haben 63 Prozent keinen Job. Von langen Lockdowns und damit verbundenen Gehaltsausfällen waren besonders ungelernte Arbeiter mit niedrigem Einkommen betroffen. Unter diesen Bedingungen ist ein Studium eine Mühe, die viele junge Menschen des südlichen Afrikas mit Freude auf sich nehmen, weil es der einzige Weg ist, Armut und Perspektivlosigkeit zu entkommen. Denn die Universitäten des südlichen Afrikas vermitteln Qualifikationen und ermöglichen die Verwirklichung von Lebensträumen. Manche gehören mit ihren Forschungseinrichtungen zur Weltspitze. Südafrikanische Forscher haben die Corona-Variante Omikron frühzeitig identifiziert und die Welt gewarnt. Gebracht hat das dem Land leider nichts. Viele Länder reagieren mit Einreisebeschränkungen und Reisewarnungen. Dies hat viel Kritik aus dem südlichen Afrika hervorgerufen – zu Recht, wie wir finden. Denn die südafrikanische Regierung handelte mit ihrer frühzeitigen Warnung vor Omikron vorbildlich und wurde dennoch abgestraft. Die für den Arbeitsmarkt so wichtige Tourismuswirtschaft wird massiv getroffen. Unser Stipendienprogramm ist in dieser Situation ein Hoffnungszeichen. Jedes Jahr bewerben sich auf unsere Ausschreibung vielseitig interessierte und engagierte junge Frauen und Männer, die oft auf beeindruckende Weise soziale Not, erschütternde familiäre Umstände und Benachteiligungen aller Art überwinden, um zu studieren und damit ihrem Traum eines selbst bestimmten Lebens in Afrika näher zu kommen. Wir erleben Studierende, die lernen wollen, neugierig sind und sich in vielfältiger Weise engagieren. Für uns ist es jede Kraftanstrengung wert, dies so gut wie möglich zu unterstützen. Wir haben uns bei der INISA daher entschieden, in diesem Jahr erneut vier Stipendien zu vergeben. Wir bauen weiter darauf und sind optimistisch, dass Sie ebenso wie wir in jeder einzelnen Studentin und jedem einzelnen Studenten ein Hoffnungszeichen für das gesamte südliche Afrika sehen und uns auch weiter bei unserer Arbeit unterstützen.

Das diesjährige Heiko Krause Stipendium der INISA haben wir an Dorian Basson vergeben, der an der Universität Kapstadt Sozialarbeit studiert. Der Werdegang von Dorian ist erschütternd und macht zugleich Mut. Dorian stammt aus Mitchels Plain in den Cape Flats, „a crime-infested, disadvantaged community where the influ- ences of substance abuse and crime remain accessible alternative options for young people.” Er hatte sich unterstützt von seiner alleinerziehenden Mutter um eine gute Ausbildung bemüht und nach einem sehr guten Schulabschluss Anfang der 2000er Jahre angefangen, BWL zu studieren. Im zweiten Studienjahr wurde er 2005 auf dem Heimweg von Unbekannten überfallen und vergewaltigt. Eine HIV-Infektion war die Folge. Über zehn Jahre verbrachte Dorian mit Therapien, einem halbherzig betriebenen Fernstudium und Gelegenheitsjobs, während er versuchte die erlittenen Traumata zu verarbeiten. Seine Mutter war zwischenzeitlich gestorben als er 2019 mit 34 Jahren den Entschluss fasste, ein neues Studium aufzunehmen. „Ich habe gemerkt, dass ich einen Karriereweg wollte, der erfüllender ist und den Menschen dabei hilft, ihr volles Potenzial auszuschöpfen“, berichtet Dorian. „Als ich mein Studium der Sozialarbeit begann, wusste ich, dass meine Leidenschaft, mein Ziel und meine persönliche Tragödie in meine Berufswahl einfließen können. Ich will ein Akteur des Wandels für die Benachteiligten und Schwachen in unseren communities werden.“ Neben dem Studium engagiert sich Dorian als Facilitator für Jugendliche in Problembezirken. Er arbeitet mit gefährdeten Jugendlichen in ähnlichen Umständen wie die seiner Herkunft. Es geht ihm darum, Zukunftsperspektven zu vermitteln, Themen wie Drogen, sexuelle Gewalt, HIV/Aids zu adressieren und Alter- nativen aufzuzeigen. Eigentlich sind wir bei INISA zurückhaltend, Zweitstudien zu unterstützen. Aber im Fall von Dorian haben uns seine Motivation und im direkten Gespräch seine Reflektiertheit und zugleich Fröhlichkeit und Energie überzeugt.

Einen anderen Lebenstraum verfolgt Shantel Chamatumba, die an der North West University im 2. Jahr Physik und Mathematik studiert. Sie strebt einen Abschluss in Quantenphysik an – und wir räumen gerne ein, dass wir hier nicht über adäquate Fachkenntnisse verfügen. In jeder Hinsicht verständlich waren für uns aber die Motivation und der beeindruckende Durchhaltewillen von Shantel. Sie kam als Kind aus Simbabwe und ist in Mafikeng aufgewachsen. Mit ihrer Mutter, ihren Geschwistern und einer weiteren Familie lebt sie in einem Ein-Zimmer-Haus (die Familien teilen ihre Bereiche durch einen Vorhang) 45 Minuten vom Campus entfernt. Sie konnte erst verspätet ins Studium einsteigen, da sie monatelang gejobbt hat, um die Anmeldegebühren bezahlen zu können. Trotzdem hat sie alle Kurse bestanden, die Mehrheit mit Auszeichnung. Shantel erzählt offen von den schwierigen Umständen ihres Studiums: „Ich will nicht bedauert werden. Nein! Ich versuche Ihnen nur zu zeigen, dass es im Leben Menschen gibt, die entschlossen sind und Ziele haben und nicht bereit sind, ihre Träume aufgrund einer schwierigen Lebenssituation aufzugeben.“ Sie möchte später in ihrem Fachgebiet forschen, zunächst aber erst einmal das Studium abschließen. Das wird schwierig genug, da es für Studierende aus Simbabwe in Südafrika ausgerechnet in den Abschlussjahren keine finanzielle Unterstützung gibt.

Ebenfalls an der North West University studiert Kemishi Nkgoeng, im 3. Studienjahr Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Finanzmathematik. Sein Hauptmotiv für das Studium war seine soziale Situation: Er lebt mit 4 weiteren Geschwistern bei seiner alleinerziehenden Mutter, zum Vater besteht kein Kontakt. Kemishi hat früh versucht, selbst Geld zu verdienen und wollte deshalb wissen, wie Wirtschaft funktioniert. Um sein Studium zu finanzieren, hat er verschiedene Geschäftsideen entwickelt. U.a. hat er Eier auf dem Markt gekauft und ist in den Wohnheimen von Tür zu Tür gezogen, um sie mit kleinem Gewinn weiter zu verkaufen. Der Lockdown hat dieses Geschäft beendet, zumal sich Kemishi auch noch selbst infizierte. Mittlerweile betreibt er mit seinem Bruder einen kleinen Transportservice. Im Gespräch mit uns hat er ausführlich von einem Praktikum erzählt, bei dem er einen Algorithmus entwickelt hat, um einer Bank die Entscheidung zu erleichtern, ob und wie lange sie Kunden in der Coronazeit einen Aufschub bei Ratenzahlungen für Kredite gewähren konnte („payment holiday“). Technisch anspruchsvoll, aber extrem hilfreich für die Kunden, denen für einen bestimmten Zeitraum die unmittelbare Belastung wegfiel, die Bankverbindung jedoch erhalten blieb und sie nicht als säumige Schuldner behandelt wurden. In diesem Bereich würde er gerne in der Zukunft arbeiten.

Schließlich möchten wir in diesem Jahr Thabelo Raungedzani unterstützen. Thabelo studiert im 2. Studienjahr Zahnmedizin an der Universität Pretoria. Sie stammt aus einem Dorf in Limpopo, ihre Eltern sind beide taubstumm und brauchen die Unterstützung von ihr und ihren Geschwistern. Thabelos Ziel ist klar: „Ich will wieder zurück in meine Heimat. Dort gibt es nur wenige Ärzte und Zahnärzte schon gar nicht. Da möchte ich helfen.“ Sie würde gerne in der öffentlichen Gesundheitsvorsorge arbeiten, hier sieht sie den größten Nutzen.

Mit dem INISA Stipendium 2021 wollen wir Dorian, Shantel, Kemishi und Thabelo helfen, auf ihrem Weg weiter zu gehen und einen Beitrag zur Zukunft des südlichen Afrikas zu leisten. Diese Unterstützung ist dringend nötig: Studiengebühren von 25.000 Rand (z.Zt. rund 1.500,- EUR) im Jahr bilden für viele talentierte junge Afrikanerinnen und Afrikaner eine kaum überwindbare Hürde. Wir freuen uns, von unseren Stipendiaten zu hören, wie sehr ihnen das Stipendium bei der Bewältigung ihres Alltages hilft, selbst wenn es nur einen Teil der Kosten abdeckt. Für Ihre bisherige Unterstützung möchten wir uns auch im Namen unserer Stipendiaten herzlich bedanken und Sie für die Weiterführung des Stipendiums um großzügige Hilfe bitten. Wir möchten auch im kommenden Jahr Studierende im südlichen Afrika unterstützen, denen persönlicher Erfolg und gesellschaftliches Engagement gleichermaßen wichtig sind. Bitte unterstützen Sie uns dabei, denn unsere Stipendiaten sind auf Ihre Hilfe angewiesen.

Dabei können Sie sich darauf verlassen, dass Ihre Spende zu 100 Prozent dem Studium der Stipendiaten zugutekommt, da die INISA vollständig ehrenamtlich arbeitet. Bitte überweisen Sie Ihre Spende auf das Konto Initiative Südliches Afrika IBAN: DE05 2135 2240 0000 0074 36 SWIFT-BIC: NOLADE21HOL (Sparkasse Holstein, Kontonummer 7436, BLZ 213 522 40)

Spenden sind steuerlich absetzbar, Spendenquittungen werden ausgestellt.

Herzliche Grüße Andreas Baumert (Vorsitzender) und Sebastian Seedorf (Stipendien-Koordinator)

 

INISA-Stipendiaten:  Dorian Basson                  und     Kemishi Nkgoeng                                   INISA-Stipendiatinnen Shantel Chamatumba         und Thabelo Raungedzani